Hüte Dich vor dem Zorn eines sanftmütigen Mannes. - Anonymus -
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Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein

Es war an einem heißen Sommerabend. Die Hitze ließ die Tränen auf meinen Wangen verdunsten. Sie brannten sich in meine Haut, so dass sie Spuren hinterließen. Und meine Lippen waren vertrocknet, mein Körper vom Schweiß ganz klebrig. Und die sich mehrenden Hautschüppchen glichen bald schon einer weißen Schneepracht. Als die Bäume begannen, sich zu wiegen und ein angenehmer Wind aufkam, der den Staub aufwirbelte, sprach plötzlich eine altvertraute Stimme zu mir in dieser finsteren Nacht. Die Sterne am Himmel verschwanden unter einem dicken Wolkenschleier und während ich versuchte, zu lauschen und jenem Klang aus Sprache und Rauch etwas zu entnehmen, erkannte ich ihn. ‚Hör mir zu‘, hallte es von fern. ‚Ich habe dir etwas zu sagen...‘

Rückblende. Den ganzen Tag lang hatte ich Angst, Verzweiflung, Enttäuschung, Wut, Trauer und Fassungslosigkeit verspürt. Fast ohnmächtig ließ ich mich im Selbstmitleid versinken. Nach und nach stieg alles in mir auf, was ich längst vergessen hatte, mitsamt meiner Magensäure. Mir wurde schlecht und meine linke Brust war so schwer geworden wie ein 10-Tonnen-Gewicht. Mein Kopf war nach vorn gesunken und es schmerzte mir der Nacken davon. Ich dachte, ich würde nie wieder das Gefühl erleben, kein guter Mensch zu sein. Lange wähnte ich mich auf dem richtigen Weg. Aber nur, weil ich glücklich war. Selbst optimistische Blicke in die Zukunft hatte ich wieder gewagt. Ein Fehler. Denn das Glück weilte schon immer nur kurz unter uns. Es war stets nur eine Verschnaufpause zwischen den kommenden Herausforderungen, die im selben Moment schon längst geplant schienen. Ich hatte die Kontrolle über mich verloren. Verdammt, wie konnte ich mich nur anvertrauen? Ich habe mich verleiten lassen.
Mit all diesen Gedanken stand ich da, am U-Bahn-Gleis. Und die Bedrohung stand mir nun unheimlich nah. So nah, dass ich sie riechen konnte. Und ein Schreckensmoment in einer Hundertstel Sekunde ließ nicht lange auf sich warten, als die U-Bahn einfuhr. Meine Augen verfolgten die Geschwindigkeit, mit der die Nase des Zuges vom Tunnel auf die Halle schoss. Meine Knie zitterten, und mein Körper drängte mich hautnah an das Gleisbett heran. Etwas oder jemand in mir lächelte hämisch und versuchte, mich zu schubsen. Teuflische Stimmen schrien in mir, so als ob sie mit mir stritten. ‚Spring!‘, riefen sie. ‚Es hat alles keinen Sinn und Du wirst es nicht ertragen! Wieder so bitteres Leid wirst du erfahren, wenn du jetzt nicht springst.‘ Mir blieb der Atem weg, und die Bahn raste mit einem Knall an mir vorbei.
Nein. So sollte es nicht enden. Nicht ohne eine Erklärung. Nicht ohne die Auflösung des Rätsels, in welches ich mich verirrt hatte.

‚In der Ruhe liegt die Kraft‘, konnte ich deutlich heraushören. Er redete sanft auf mich ein. ‚Nimm jetzt all deinen Mut zusammen. Fürchte mich nicht, nur weil ich nicht hier sein sollte. Sondern höre mich an und passe gut auf. Der Mensch wird geboren, um die Tücken des Lebens auszuhalten. Er reagiert auf sein Gegenüber, egal wer es ist. Seine Reaktion ist unausweichlich abhängig von den Mitmenschen und seiner selbst. Egal, wer dich wohin begleiten oder auch entführen mag, du wirst dich zunächst geborgen fühlen. Und die Geborgenheit kann wie eine Droge sein. Sie verhindert, dass du aktiv etwas veränderst, weil dir dein Zustand gefallen mag. Und so ändert es dich, ohne dass du es merkst. Während du davon schwärmst, es Glück nennst, vergisst du, tiefer zu blicken, dich genauer umzusehen. In deinem Rausch des Glücks verlässt du dich auf andere. Und langsam, aber stetig beginnst du zu glauben, dass du ein guter Mensch bist. Die Gewohnheit kehrt ein und bewirtet deinen Seelenfrieden. Bis dein Gegenüber auf seine Mitmenschen reagiert, egal wer es auch sein mag. Menschen hängen voneinander ab. Und sie reagieren auf den jeweils anderen. Und da wir zu Milliarden existieren, ist die Chance extrem hoch. Es dauert nicht lange, und deine Welt bricht einfach so über dir zusammen. Und plötzlich bist du allein, so allein, wie auch ich dich lassen musste. Nicht zum ersten Mal. Und aus dem Alleinsein werden Einsamkeit, Unverständnis und Depression wachsen. Deine Leistungsfähigkeit wird nachlassen. Du wirst dich krank fühlen. Und alles, was du bis dahin als Glück bezeichnet hast, wird dahin sein. Und da der Mensch eine Kämpfernatur ist, verteidigt er sich, vor jedem Angriff. Das ist sein Instinkt. Und der Mensch beginnt unweigerlich damit, die Dinge auszulöschen, die ihn verletzen. Und so beginnt er zu zerstören - wenn es sein muss, sogar ohne Rücksicht auf Verluste. Und Dinge können außer Kontrolle geraten. Denn ein erfolgreicher Kampf setzt neben Strategie auch Wut voraus. Ohne Wut kein Killerinstinkt. Ohne Killerinstinkt keine angemessene Verteidigung. Und in Rage zerschlägst du alles, was dich mürbe macht. Denn Kampf kann wie eine Droge sein. Im Rausch deiner Wut verlässt du dich nur auf dich selbst. Und langsam, aber stetig musst du dir eingestehen, dass du kein guter Mensch mehr bist. Deshalb ist es so schwer, ein guter Mensch zu sein.‘

Dicke Regentropfen fielen vom Himmel herab und klatschten auf meinem nackten Körper auf. Das Wasser lief mir über den Kopf und kühlte meine Gedanken. Und dann verschwand der Hall seiner Stimme im Geräusch des prasselnden Regens. Ich versuchte ihm zu folgen, doch ich hatte keine Fragen mehr.
20.8.12 01:35
 


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